Ein persönlicher Zwischenruf aus der dunklen Sackgasse der Herzlosigkeit
von Jürgen Blümer
Nach 40 Jahren Klimaaktivismus habe ich bereits einige Krisen der Bewegung miterlebt und durchgestanden, inklusive tiefer Zweifel an den Erfolg des Unterfangens „Kampf gegen Klimakatastrophe und Artenkollaps“. Mehrere Impulse, alle aus den letzten Tagen, haben mich sehr ins Nachdenken gebracht und bei mir letztendlich die Ansicht reifen lassen: Wie bisher können wir nicht mehr weitermachen als Klimabewegung!
Am 02. September 2026 veröffentlichte die Umweltorganisation der UN (UNEP) den Report Limiting Overshoot. Das Dokument zeigt auf, dass selbst bei vollständiger Umsetzung aller nationalen Klimapläne und Netto-Null-Zusagen die zu erwartende globale Temperaturerhöhung bei mindestens 1,8° C über dem vorindustriellen Niveau liegen wird.
Wolfgang Bauer beschreibt in seinem Artikel „Die Zukunft war uns in Deutschland immer schon zu teuer“ die katastrophalen Auswirkungen auf seine Heimat, die Schwäbische Alb, die er in diesem Sommer beobachtet hatte – bei einer globalen Temperaturerhöhung von ‚lediglich‘ knapp 1,5° C! Er schildert Aschefelder, brennende Hänge und Wälder. 80% Ernteausfall werden ein Höfesterben nach sich ziehen. Bauer weist darauf hin, dass in Deutschland täglich 50 Hektar Naturfläche vernichtet werden. Unwiederbringlich! Sein Artikel endet mit den Worten:
„Die Welt um uns verdorrt, stirbt, vergeht in Asche, und wir machen einfach so weiter. Als seien wir kein Teil davon. Als gäbe es nur uns auf dieser Welt. … Wir können nicht anders.“
Daniel Etter, Kriegsreporter, beschreibt in seinem Essay „50 Grad, kein Schatten, der Boden hartgebrannt wie Ton“, wie die Klimakatastrophe die Lebensgrundlage im Irak vernichtet. Er listet zusätzlich Katastrophenbilder aus Frankreich, Spitzbergen und Deutschland auf und fragt geradezu verzweifelt:
„Und über Wochen schweigt der Kanzler dazu, äußert sich über seinen Pressesprecher aus dem Urlaub. Wie kann das angesichts einer solchen Krise sein?“
Etter zeigt auf, wie im Zweistromland die Landwirtschaft stirbt, „ausgerechnet hier, wo sie vor 10.000 Jahren ihren Ursprung genommen haben soll“. Ausführliche beschreibt er, wie ihn die Trauer um den Verlust natürlicher Lebensräume erfasst hat. Seinen Text lässt er mit den Worten enden:
„Ich verstehe die Klimakrise nicht mehr nur, sondern fühle sie.“
Am 03. September 2026 veröffentlicht die Rheinische Post einen Meinungsartikel von Heiner Wilmer, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und Bischof von Münster. Unter der Überschrift „Wir brauchen eine sozial-ökologische Definition von Wohlstand“ schreibt Wilmer über die Katastrophen unserer Zeit – und fordert eine neue Definition für unseren Wohlstandsbegriff. Der Artikel ist fokussiert auf zwei Entwicklungen, die die Menschheit bedrohen: die weltweiten Kriege und die Klimakatastrophe. Dabei stellt er unmissverständlich klar: „Die Klimakatastrophe ist Wahrheit.“ Bischof Wilmer sieht in dem westlichen Wohlstandsmodell die Ursache für die Bedrohungslage, in der sich die Zivilisation befindet, und stellt klar:
„Unser bisheriges westliches Wohlstandsmodell ist am Ende.“
Jürgen Döschner, ehemaliger WDR-Redakteur und Klimajournalist, schrieb vor wenigen Tagen in einem Post auf Bluesky:
„Mehr als 16.000 Menschen sind bislang in Dtld diesem #Hitzesommer als Folge der #Klimazerstörung zum Opfer gefallen. Sie hinterlassen mehr als 30.000 Angehörige. Habt ihr einen einzigen Bericht über eines der Opfer gelesen?“
Meine Recherche in den deutschen Medien bestätigt diese Sichtweise. Während Naturkatastrophen wie Fluten emotionale Anteilnahme und Solidaritätswellen auslösen, wird das Sterben durch Hitze in den deutschen Medien auch im Rekordjahr 2026 lediglich als abstraktes, bürokratisches Datenproblem behandelt. Einige Medien wie die TAZ oder die ZEIT sehen zwar das Fehlen von Trauer und gesellschaftlicher Anerkennung kritisch. Doch es bleibt bei einer emotionale Kälte, mit der diese Gesellschaft mit den Toten und ihren Angehörigen umgeht, welche bei mir ein Gefühl der Angst auslöst – der Angst vor einer Gesellschaft, die das Sterben schulterzuckend hinnimmt.
Auf der Faktenebene muss man festhalten, dass die Klimakatastrophe in diesem Sommer in eine neue Phase der Sichtbarkeit eingetreten ist. Bischof Wilmer schreibt dazu, dass die bedrohliche Entwicklung des Weltklimas dort zur greifbaren Realität wird, wo aus den ausgetrockneten Gewässern verschollenes Kriegsmaterial aus dem zweiten Weltkrieg auftaucht. Etter und Bauer sehen die Zerstörungen durch Hitze und Feuer und berichten mit emotionaler Wucht über ihre Gefühle im Moment des Betrachtens der nicht mehr heilbaren Verheerung.
Auf der emotionalen Ebene zeigt unsere Gesellschaft dagegen die dunkle Kälte der Erbarmungslosigkeit – bis hinein in die Klimabewegung. Die Rituale aller gesellschaftlichen Akteure laufen weiter, als wären die Menschen bereits durch KI-Roboterwesen ausgetauscht. Der mediale Zirkus führt Gaukeleien auf, die einen Unterhaltungswert von geradezu subatomarer Halbwertzeit innehaben. Die Unfähigkeit zur Trauer über den massiven Verlust an Menschen und Natur ist uns in unseren verhärteten Alltag hineingeschrieben und lässt die Gesellschaft – erbarmungslos – weiter funktionieren. Bauer zitiert dazu passend die Aussage einer Bauernverbands-Sprecherin: »Wir müssten dann ja auch gegen uns selber demonstrieren.«
Wir müssten nicht nur gegen uns selber demonstrieren – wir müssten die Toten in Nepal und Tibet als unsere Toten sehen. Wir müssten die Kinder in den Kobalt-Gruben im Kongo als unsere Kinder sehen. Wir müssten den Bauer im Irak mit seinen sterbenden Kühen als unseren Landwirt betrachten. Aus der Grundhaltung von Bischof Wilmer heraus würde das bedeuten, radikal die Sichtweise der Menschen einzunehmen, die zu leiden haben unter den Bedingungen, die wir als Gesellschaft erschaffen, ohne diese als Opfer herabzuwürdigen.
Doch auch das wird nicht mehr reichen. George Orwell schrieb 1937 in „The Road to Wigan Pier“ über den Kampf gegen die Klassenunterschiede und die Ursache, warum dieser Kampf scheitern muss – an einer wenig an Veränderungen interessierten Mittelschicht:
„Man muss sich der Tatsache stellen, dass die Abschaffung der Klassenunterschiede bedeutet, einen Teil von sich selbst abzuschaffen. … Ich muss mich so grundlegend verändern, dass ich am Ende kaum noch als dieselbe Person wiederzuerkennen wäre.“
Der Philosoph Slavoj Žižek variiert in seinem Buch „What Lies Ahead: When There Is No Future“ diesen Satz für den Kampf gegen Klimakatastrophe und Pandemie und spricht uns als privilegierte Gewinner des westlichen Wirtschaftssystems direkt an:
„Die Tatsache, die akzeptiert werden muss, ist, dass die Abschaffung der globalen Erwärmung und der Pandemie bedeutet, einen Teil von sich selber abzuschaffen. Jeder von uns wird sich selbst so vollständig verändern müssen, dass er/sie am Ende kaum noch als dieselbe Person erkennbar ist.“
Das westliche Wirtschaftssystem und das eng damit verknüpfte Lebensmodell ist derart in unsere privilegierten Ichs hineingewoben, dass die Aussage von Bischof Wilmer, unser bisheriges westliches Wohlstandsmodell sei am Ende, direkt im Sinne von Orwell und Žižek umgeschrieben werden kann:
„Wir sind am Ende.“
Von diesem Ende, aus dieser Dunkelheit der Erbarmungslosigkeit, gerade auch gegen uns selbst, heraus einen Weg zu finden, ist die Herausforderung, vor der wir stehen. Es geht nicht um Kilowattstunden oder um ein Bruttosozialprodukt, sondern um die Frage, wer wir selber und als Gesellschaft insgesamt sein wollen. Wir müssen die Kraft aufbringen, aus uns selbst heraus zu treten, um überhaupt noch in irgendeine Zukunft eintreten zu können.
Ich gebe zu, diese Vorstellung der radikalen Umkehr ist eine Zumutung und beängstigend. Doch an dem Punkt, an dem wir jetzt stehen, in dieser dunklen Sackgasse der Herzlosigkeit, gibt es keinen guten Ausweg mehr für uns. Der UNEP Report zum Zustand des Weltklimas fasst das knapp zusammen: „There are no good outcomes above 1.5C“.
Was ist also zu tun? Die Antwort ist so offensichtlich, dass ich es schon langsam leid bin, sie zu formulieren: Wir müssen viel radikaler mit unserem Sein brechen, als wir bisher dazu bereit waren. Wir müssen uns Verbündete suchen, die wir bisher nicht gesehen haben. Wir müssen über Routen gehen, deren Beschreiten wir bisher gefürchtet haben.
„Unser bisheriges westliches Wohlstandsmodell ist am Ende. – Die Klimakatastrophe ist Wahrheit.“ Das sind die Worte des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz im Jahr 2026. Ungeschminkt radikal.
Und von diesem Punkt aus müssen wir unsere Strategien beim Kampf gegen Klimakatastrophe und Artenkollaps neu denken als Klimabewegung.
Beitragsbild: (C) Jürgen Blümer