Am 31. Juli 2026 hat Dave Spitzenberger, pädagogischer Mitarbeiter der Aidshilfe Hamm e.V., während der Mahnwache zum Anschlag auf den Berliner CSD eine beeindruckende Rede gehalten. Sie ist zu wichtig, um sie auf dem Platz vor dem Kleist-Forum verhallen zu lassen. Daher habe ich sie hier mit freundlicher Genehmigung veröffentlicht:

Wir stehen hier an einem Freitagmittag, mitten in der Stadt. Um uns herum geht der normale Tag weiter. Busse fahren, Leute gehen einkaufen, hinter uns wird gearbeitet. Und wir stehen still.
Das ist ungewohnt. Ich glaube, es soll ungewohnt sein.
Berlin ist weit weg von hier. Eine andere Stadt, Menschen, die wir nicht kennen. Und trotzdem ist da etwas, das uns diese Woche nicht loslässt.
Am vergangenen Samstag war in Berlin Christopher Street Day. Ein Sommertag, Musik, ein Fest für die Liebe und für die Vielfalt. Es war ein guter Tag… bis ganz zum Schluss.
Gegen zehn Uhr abends, nach der Abschlusskundgebung, als die meisten schon auf dem Heimweg waren, raste am Tiergarten ein Kleintransporter in die Menschen. Danach wurden weitere Menschen mit einem Messer angegriffen.
Eine Frau ist gestorben. Sie war mit ihrer Tochter dort. 29 Menschen wurden verletzt, einige schwer, einige liegen bis heute im Krankenhaus.
Was mich seit Tagen nicht loslässt, ist, wie gewöhnlich dieser Tag begonnen hat. Man verabredet sich, man macht sich zurecht, man fährt hin. Viele waren mit Freundinnen und Freunden da, manche mit ihren Kindern, manche zum ersten Mal überhaupt.
Denn es gibt Menschen, für die dieser eine Tag im Jahr der einzige ist, an dem sie sich nicht überlegen müssen, wer zusieht. An dem sie Händchen halten können, ohne vorher die Straße zu prüfen. An dem sie nicht überlegen müssen, welches Wort sie für die eigene Partnerin oder den eigenen Partner benutzen.
Diese Vorsicht ist nichts Fernes. Sie gehört für viele Menschen zum Alltag. Auch hier. Auch heute.Deshalb geht uns das so nahe. An diesem Abend waren dort queere Menschen, ihre Freundinnen und Freunde, Eltern, Kinder, Leute, die einfach einen schönen Sommerabend hatten.
Getroffen hat es sie alle. Denn wer queeres Leben angreift, meint nie nur queere Menschen. Gemeint sind alle, die offen und friedlich zusammenleben wollen.
Ich glaube, wir haben ein Stück weit verlernt, einander zu sehen. Wir laufen aneinander vorbei, jeder in seinem Tempo, jeder mit dem eigenen Tag im Kopf. Und wenn nebenan etwas passiert, gehen wir davon aus, dass sich schon jemand anderes kümmert.
Genau da können wir wieder anfangen. Nicht mit großen Worten. Sondern damit, den Blick zu heben. Zu merken, wer neben uns steht. Zu merken, wenn es jemandem nicht gut geht. Und dann nicht einfach weiterzugehen.
Denn was Menschen wirklich schützt, ist keine Wachsamkeit gegen irgendwen. Es ist Aufmerksamkeit füreinander. Menschlichkeit ist nichts Großes und nichts Kompliziertes. Sie fängt damit an, dass man jemanden nicht allein lässt.
Und darin liegt für mich die Hoffnung. Denn das kann jede und jeder hier. Dafür braucht es kein Amt, kein Geld und keinen besonderen Mut. Und wenn viele Menschen es tun, entsteht daraus etwas, das kein Einzelner kaputt machen kann.
Kein Mensch besteht aus einem einzigen Merkmal. Wir kommen von verschiedenen Orten, wir glauben Verschiedenes oder gar nichts, wir lieben verschieden. Wer sich davon eines herausgreift und Menschen dafür angreift, hat nicht verstanden, wie Menschen sind.
Würde wird niemandem zugeteilt. Liebe muss sich niemand genehmigen lassen. Beides steht jedem Menschen zu, ohne Bedingung.
Seht einander. Denn das ist der Anfang von allem.Danke, dass ihr hier seid.
Homepage der Aidshilfe Hamm e.V.
Motiv: Guanaco and subsequent editors, Copyrighted free use, via Wikimedia Commons